Feng Shui Classic

Wo ist vorne?

Kein anderes Thema wird unter Feng-Shui-Fachleuten so kontrovers diskutiert wie die Frage der Blickrichtung eines Hauses.

Die Blickrichtung ist sehr wichtig, denn sie entscheidet maßgebend über die Ergebnisse einer Feng-Shui-Analyse. Vielleicht ist deswegen das „3-Türen-Bagua“ so populär geworden, weil sie das entscheidende Kriterium einfach außer Acht lässt und nur nach den Eingangstüren, die so ziemlich jeder problemlos in der Wohnung findet, schaut? Nun ja, das wäre aber ein anderes Thema.

Mit der Blickrichtung eines Hauses ist einfach vorne, das „vor dem Haus“, gemeint. Meistens können wir spontan in diese Richtung deuten, wenn wir sagen „ich gehe jetzt vors Haus“. Probleme fangen an, wenn man sich theoretisch mit der Definition der Blickrichtung auseinandersetzt.

Die vielen Differenzen und Meinungen bei der Bestimmung der Blickrichtung resultieren wahrscheinlich aus nicht genau überlegter „Übersetzung“ der altchinesischen Gegebenheiten.

Im alten China – und nicht nur dort – wurden die meisten Häuser nach den klimatischen und witterungsbedingten Gegebenheiten gebaut. Dadurch hatte die kälteste Seite, die den starken Winden ausgesetzt war, aus praktischen Gründen keine Öffnungen. Es war die eindeutige Rückseite, die im Feng Shui Sitzrichtung genannt wird. Um möglichst viel Wärme ins Haus zu lassen, hat man an der „Sonnenseite“ viele Öffnungen gemacht, auch den Eingang. Damit war hinten zu, vorne offen und der Eingang lag immer vorne. Unsere Architektur heute ist nicht so einfach, weil man Fenster und Türen nach anderen Kriterien als nur Wärme und Wind plant. Auch der Eingang ist an jeder Seite des Hauses denkbar. Deshalb kann man nicht mehr behaupten, wo der Eingang ist, ist vorne. Das stimmt nicht mehr.

Wie kann vorne also anders definiert werden? Hier hilft uns der Kaiser von China mit seinen Bauprinzipien für Paläste.

Der Kaiser hat in seiner großen Halle immer mit dem Rücken nach Norden (geschlossene Seite) und dem Blick nach Süden gesessen. Die offene Südseite war seine Verbindung zur „äußeren Welt“. Von der Seite hat er die Fremden oder Untertanen empfangen. An der festen Zuordnung des Norden und des Südens können wir heute nicht mehr festhalten, weil ihre Bedeutung nicht so eindeutig ist. Auch im alten China hat man mit der Einführung des Kompasses genauer gemessen und festgestellt, dass die angenommenen Richtungen Norden und Süden gar nicht so genau sind. Je nach Region war auch die kalte Wetterseite nach z.B. NW oder NO, sogar O ausgerichtet. So kam es zur Entwicklung differenzierter Methoden wie die Kompass-Schule oder die Fliegenden Sterne, bei denen die Blickrichtung weiterhin entscheidende Rolle spielt.

Die Umgebung eines Hauses bzw. eines Grundstücks gehört der „äußeren Welt“ an, weil sie nicht nach freiem Ermessen der Bewohner gestaltet werden kann. In dieser „Welt“ spielen sich Interaktionen ab, man wird mit fremden Aktivitäten konfrontiert und tritt in Kontakt mit anderen. Diese „äußere Welt“ ist die YANG-Welt.

Das Haus und das eigene Grundstück bilden die „innere Welt“ für die Bewohner. Diese „innere Welt“ kann individuell gestaltet und beeinflusst werden. Sie ist die Quelle, aus der die Bewohner ihre Kraft zur Stärkung des eigenen Chi schöpfen. Damit ist die „innere Welt“ die YIN – Welt.

Dort, wo die YIN-Welt mit der YANG-Welt sich aktiv treffen und in Kontakt treten, ist die Blickrichtung. Meistens ist das die Seite des Hauses zur Straße. Anders formuliert, es ist das Gesicht des Hauses, das sich einem fremden Besucher zuerst zeigt.

Unter praktischen Bedingungen kann man die Blickrichtung bestimmen, indem man aus dem Fenster oder der Tür hinausschaut, wenn man ungeduldig auf jemanden wartet und sehen will, ob er endlich kommt.
Sicher gibt es die eine oder andere Ausnahmen von diesem Tipp, doch in den meisten Fällen stimmt er.

Ich hoffe, dass diese Ausführung Ihnen hilft, auf die Frage „wo ist vorne“ eine Antwort zu finden.

 

Bildquellen: Kaiserpalast/Wikipedia CC-Lizenz/giladr, Wohnhaus/H.Seipel