Feng Shui Classic

Fliegende Sterne – ein falsch verstandener Begriff

Stellen Sie sich vor, Sie hätten von Feng Shui wenig Ahnung und von den Fliegenden Sternen hätten Sie noch nie gehört. Woran würden Sie zuerst denken, wenn Ihnen eine Feng Shui Beraterin sagt, sie arbeite nach der Methode der „Fliegenden Sterne“? Wahrscheinlich würden Sie den Begriff sofort mit Astrologie, Horoskopen oder ähnlicher Wahrsagekunst verbinden. Doch das wäre ein gewaltiger Irrtum. Fliegende Sterne haben mit der Deutung astronomischer Himmelskörper gar nichts zu tun.

Doch warum heißen sie so?
Im chinesischen Original heißt die Methode, bzw. die Methodensammlung „feixing“, was wörtlich übersetzt „fliegen“ für „fei“ und für „xing“ „Stern“ oder auch „Einfluss“ bedeutet. Und genau hier beginnt meiner Meinung nach das Missverständnis an. Sinnvollerweise müsste die Übersetzung „fliegende Einflüsse“ heißen. Damit wäre das Prinzip dieser Methode, nämlich die Untersuchung sich wandelnder Einflüsse in Räumen, deutlich klarer zum Ausdruck gebracht. Wir Berater würden auch viel weniger Aufklärungsarbeit leisten müssen.

Der Verwirrung um die Begrifflichkeiten ist damit aber noch nicht Genüge getan.
„feixing“ bezeichnet nur eine Technik, die auf dem Konzept der „neun Sterne“ und des Lo Shu beruht.
„feixing sanyuan“ ist schon genauer, weil das zusätzliche Wort „drei Ursprünge“ bedeutet und auf die zeitliche Veränderung der Einflüsse (Sterne) hinweist. Hinter den „drei Ursprüngen“ verbergen sich die drei Ären mit je drei 20-jährigen Perioden.

Zusammenfassend wären wir jetzt bei einer Übersetzung, die „sich periodisch wandelnde Einflüsse“ statt „fliegende Sterne“ lauten könnte. Klingt nicht sehr werbewirksam und vielleicht war das der Grund für die Bezeichnung „fliegende Sterne“.

Die analytische Vorgehensweise, die Sie aus „Das Märchen von den neun Sternlein“ kennen trägt aber einen ganz anderen Namen. Hier handelt es sich um „Sanyuan Xuankong“. Über die Vielfalt der Methoden innerhalb der „Fliegenden Sterne“ habe ich bereits berichtet. Was soll das schon wieder heißen?

Die Bedeutung des ersten Teils der Bezeichnung haben Sie gerade erfahren. „Xuankong“ sinngemäß zu übersetzen ist spannend und schwierig zugleich. Wörtlich bedeutet es die „mysteriöse Leere“. Klassische Autoren und Wissenschaftler, u.a. Menfred Kubny, sehen in der „mysteriösen Leere“ vor allem nicht näher definierte „kosmische Einflüsse“. Manfred Kubny erklärt den Begriff wie folgt: „Diese Technik evaluiert kosmische Einflüsse auf den menschlichen Lebensraum. (…) die „mysteriöse Leere“ sich ausschließlich mit kosmischen Einflüssen befasst, die die menschliche Wahrnehmung bei weitem übersteigen.“*

Die Wurzel dieser „mysterösen Leere“ stecken in der daoistischen Philosophie. Laozi (Laotse) selbst überlegte „über das „Mysteriöse im Mysteriösen“ (xuan zhi xuan), dessen kosmischer Ursprung und Qualität nachgeprüft wird. Aus diesem Grund wird das Studium des Yijing auch „Lehre des Mysteriösen“ (xuanxue) genannt.“*

So weit die wissenschaftliche Deutung, die ich sehr schätze. Aber kommt uns das Ganze nicht zu mysteriös vor? Geht es vielleicht doch um Sternendeutung im herkömmlichen Sinne? Was sollte sonst mit „kosmischen Einflüssen“ gemeint sein?

Ich habe meine eigene Hypothese dazu entwickelt. Heute wissen wir, dass philosophischer Daoismus und Yijing (I Ging) nicht nur sehr viele Gemeinsamkeiten mit moderner, quantenphysikalischer Sichtweise haben, sondern sogar auf dem gleichen Denkmodel beruhen. Kann mit der „mysteriösen Leere“ vielleicht das Quantenfeld der Wahrscheinlichkeiten gemeint sein? Lassen Sie uns den Gedanken kurz folgen.

Es könnte sich um das Potential aller Möglichkeiten, die uns das Leben bietet, handeln (xuankong). Diese werden unter zeitlichem Aspekt untersucht (sanyuan). Die Untersuchung geschieht nicht allgemein, sondern nur in einem fest definierten Raum (Raumzeit-Prinzip) und bedeutet eine Interaktion des Beobachters (Berater) mit dem quantenphysikalischen (außerhalb der Wahrnehmung) Feld. Das führt zum Zusammenbruch des Quantenfeldes und aus Wahrscheinlichkeiten formt sich wahrnehmbare Realität = Einflüsse im Raum (feixing).

Mysteriös? Hirngespinst? Ja, vielleicht. Aber sind die klassischen Deutungsversuche weniger mysteriös?

Mit absolut realen Grüßen

Hedwig Seipel

 

*Quelle: Manfred Kubny, „Feng Shui: Die Struktur der Welt“, Drachen Verlag GmbH 2008; Seite 313 

Bildquelle: istockphoto/Igor Prole

1 Kommentar zu “Fliegende Sterne – ein falsch verstandener Begriff

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